Soziale Netzwerke in der Jugendarbeit

Jugendliche am iPad
3 Februar, 2012 - 15:13

Als Beteiligter am kommunalen Jugendplan im Landkreis Kelheim setzte sich Andreas Lammel mit der Zukunft der Jugendarbeit auseinander. Als Gastbeitrag veröffentlichen wir hier seine Überlegungen und stellen sie zur Diskussion.

Jugendliche sind heute die am besten vernetzte Bevölkerungsgruppe

98 Prozent sind online, selbst bei jüngeren Teenagern sind es 96 Prozent. Das Web gehört fest zur Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Viele kennen sich – nach eigenem Dafürhalten – mit Computern besser aus als ihre Eltern oder Lehrer. Bereits ab 13 Jahren gehört das Surfen im Internet zu den drei liebsten Freizeitbeschäftigungen von Jugendlichen.

Das Internet wird von Jugendlichen sowohl zur Kommunikation (Chats, E-Mails, Messaging) genutzt als auch zur Information (für Referate oder Hausaufgaben) und zur Unterhaltung (Musik und Videos). Internet-Communitys sind ein fester Bestandteil des Lebens von Jugendlichen in Deutschland geworden. Bereits bei den 10- bis 12-Jährigen nutzt diese jeder Zweite, bei den älteren Jugendlichen fast alle.

Die meisten haben in den Communitys weit über 50 Personen auf ihrer Kontaktliste, der statistische Durchschnitt liegt bei 133 Kontakten. Die Anziehungskraft des heutigen Internets, des Web 2.0, liegt für Jugendliche vor allem in seinem Potenzial als soziales Medium. Die Netzwerke sind für Jugendliche eine von mehreren Möglichkeiten, sich die eigene Welt zu erklären und eine Identität zu entwickeln. (Prof. Dr. Dr. h.c. mult. August-Wilhelm Scheer, BITKOM Studie Jugend)

Auch wenn Jugendliche überwiegend positive Erfahrungen mit dem Internet und sozialen Netzwerken haben, geht ihr Wissen eher in die Breite als in die Tiefe.

Dieses Wissensdefizit, liegt wie oben erwähnt, in der unzureichenden Anleitung und Begleitung durch meist uninformierte Eltern, Lehrer und Pädagogen.

Die „Erfindung“ des Internets und die Einführung Sozialer Netzwerke haben auf die Bevölkerung die gleichen Strukturierenden und verändernden Auswirkungen wie es der Buchdruck im Mittelalter hatte. Ebenso wie dieser wird es das gängige Menschenbild grundlegend verändern. So wird sich der (Markt)Wert des Einzelnen neben gewohnten Kriterien wie Schul- und Berufsausbildung auch auf seine Präsenz in sozialen Netzwerken ausdehnen. Solche Überlegungen sind zwar noch ungewohnt, dennoch haben findige Social Media Agenturen angefangen, beispielsweise den Wert eines Facebook-Fans mit US $71,84 zu bestimmen.

Wie seriös und zutreffend solche Aussagen auch zu bewerten sind ist dahingestellt, trotzdem zeigen sie umso mehr einen gravierenden Handlungsbedarf auf. Die bis jetzt an den Tag gelegte Vogel-Strauß-Politik ist umso gefährlicher, da ein Wissensdefizit durch das ständig hinzukommen neuer Technologien und Kommunikationsmittel exponentiell ansteigt (siehe Medienbeschleunigungsgesetz). Das Schreckgespenst „erweiterte Realitätswahrnehmung“ (auch engl. Augmented reality) wird uninformierte endgültig überfordern. Hier einen Schutz vom Gesetzgeber zu fordern hieße auch nur die Herausforderung zu verdecken, nicht sie zu meistern. Verbote haben auch bisher nicht zu dem beabsichtigten Ergebnis geführt. Bedenklich zusätzlich, weil wiederum die Jugendlichen unbefangen darangehen ohne pädagogisch begleitet zu werden.

Jugendliche nutzen soziale Netzwerke zum:

  1. Identitätsmanagement – Wer bin ich und wie lasse ich das meine Mitmenschen wissen?
  2. Beziehungsmanagement – Mit wem verbindet mich etwas und wie pflege ich diese Verbindung?
  3. Informationsmanagement – Was weiß ich und wie organisiere ich mein Wissen?

Ergo muss es die Herangehensweise der Jugendarbeit sein, in dieser virtuellen Umgebung kompetent aufzutreten.

Dafür gelten folgende Kriterien:

Für die virtuelle Jugend(sozial)arbeit gelten die gleichen Ansprüche, wie offline - im richtigen Leben.

Aufsuchend

Ebenso wichtig ist der aufsuchende Aspekt, dass Jugendsozialarbeiter/innen sich auch hier engagieren, Kontakt zu den unterschiedlichen Jugendlichen und Jugendgruppen herzustellen.

Pädagogisch und professionell

Weiter ist auch pädagogisch auf die Verhaltensweisen der Jugendlichen Einfluss zu nehmen. Das muss mit der gleichen Professionalität und Sorgfalt wie in der realen Arbeit vor Ort geschehen.

Authentisch

Pädagogen sind als virtuelle Person präsent, ehrlich, respektvoll und vor allem authentisch, ebenso wie sie auch im realen Leben auftreten. Damit ist eindeutig gesetzt, dass durch „Fake“-Institutionsprofile diesem Anspruch nicht gerecht wird. Kein Pädagoge/in wird sich als Herr/Frau Jugendtreff ansprechen lassen.

Parallel zum richtigen Leben handhabt man auch den Internetauftritt professionell in der Unterscheidung zwischen privat und beruflich. Aber auch wie im richtigen Leben vereint man hier beide Aspekte unter Nutzung der technischen Gegebenheiten in einer virtuellen Person.

Monitoring

Zu wissen was andere denken und sagen war immer schon ein wichtiger Bestandteil von Jungendarbeit, in sozialen Netzwerken ist es umso wichtiger, diese Informationen zu erhalten und zu verfolgen. Jugendarbeiter/innen müssen die geeigneten Tools kennen und anwenden um sich selbst, ihre Jugendlichen, ihre Einrichtung und ihr pädagogisches Umfeld auch online zu beobachten.

Fortbildung

Auch hier ist das Web 2.0 analog dem richtigen Leben zu handhaben, sich ständig in Technik und Verhalten schulen zu lassen, ohne sich auch selber zu informieren, ist professionelles Arbeiten nicht möglich.

Abschließend ist die anfängliche Behauptung, dass man als diese virtuelle  Person/Profil ebenso wie im richtigen Leben ein gutes Rolemodel darstellt, für das Entwickeln und Präsentieren in der virtuellen Realität, zu bestätigen. Learning by doing gilt hier auch für die Lehrenden. Das heißt, die Veränderungen und täglichen Herausforderungen, die das Web mit seinen ständig komplexer werdenden Neuerungen mit sich bringt, zeitnah wahrzunehmen und mit zu gestalten um dadurch eine kompetente und adäquate Position zu erhalten.

Ausstattung

Ausreichende Ausstattung, nicht der Zeit hinterher hinkend, sondern eher einen Schritt voraus. Ein Träger kann nicht erwarten, dass ein Pädagoge privat für den notwenigen Sachaufwand aufkommt. Man muss sich als Träger auch gegenwärtig sein, dass sich die Linienführung zwischen beruflichen und privaten Kosten verwischen, ebenso wie sich auch der Aufwand für berufliche und privat verwendete Zeit verwischt.

Ein Verbot der (dienstlichen) Nutzung von sozialen Netzwerken, allen voran Facebook, macht eine angemessene Jugendarbeit unmöglich!

Politischer Anspruch

Internet ist kein rechtsfreier Raum, aber ein weltweiter. Es geht nicht an, dass Jugendliche in Deutschland für Handlungen kriminalisiert werden, in denen sie im nächsten oder übernächsten straffrei sind. Auch wenn das vielen Lobbyisten von Verlagen und Medientreibenden zuwider kommt, müssen sich auch die Politik und der Gesetzgeber der Realität mit dem Internet stellen.

Den Schaden, wenn Jugendliche kein angemessenes Rechtsbewusstsein mehr entwickeln, weil sie ja sowieso immer irgendwelche „kriminelle“ Handlugen begehen, hat die Öffentlichkeit. Gesetzte werden nur dann verstanden wenn auch eine reale Chance besteht diese einzuhalten.

Konkreter Anspruch ist ein zeitgemäßes Überdenken der Urheberrechte, insbesondere den Gepflogenheiten der GEMA, dem Recht am eigenen Bild, ebenso wie den Ansprüchen der GEZ.

Es scheint, dass es viel zu tun gibt, darum ein Schlusswort aus Momo:

"Siehst du, Momo", sagte er, "es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man."
"Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten. Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein. Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste."

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Über den/die AutorIn

Dipl. Soz. Päd. Andreas Lammel ist Internetbeauftragter des Bistums Regensburg. Er bringt reiche Erfahrung in der Jugendarbeit mit und hatte schon 1984 seinen ersten C64.

Reaktionen

Herzlichen Dank für diesen so guten Artikel/Beitrag! Auf den Punkt genau und so richtig analysiert! Bin begeistert, auch für Ihre Vorreiterrolle! Viel Erfolg weiterhin für Ihre klasse Arbeit! Freundliche Grüße, U. Gemeinhardt

Sehr gut zusammengefasst! Danke. Was könnte jetzt der nächste Schritt sein? Gibts Vorschläge? Herzliche Grüße aus München, Harald

Ich würde mal sagen: Do it! Social Media gehört einfach in den Alltag der jugendpastoral integriert. Manche konkrete Vorschläge finde sich aber unter dem Stichwort Jugend, aber klar ist, dass wir da einfach alle miteinander in einem Prozess sind.

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