
Manche haben nicht mal Email, andere leben im Netz. Was verbindet? Und welche Rolle kann die Kirche dabei spielen?
Immer wieder wenn ich im Kontakt mit sehr unterschiedlichen Menschen auf Themen der digitalen Spaltung komme, fällt mir ein, dass wir in einer Zeit leben, die von einer massiven Ungleichzeitigkeit geprägt ist.
Meine Mutter, 81, hat kein Internet und interessieren tut sich das auch nicht. Meine Mutter interessiert viel mehr ihre Familie und ihr Garten. Warum sollte ich oder jemand anderer sie dazu nötigen und ihr einen Computer schenken, der dann sowieso nur im Eck rumsteht? Andererseits: Der älteste Teilnehmer in einem meiner Social Media Workshops war ein 87-jähriger Pfarrer aus Wels. Auf die Frage, warum er da dabei sei, sagte mir Josef Kammerer: "Weil mich interessiert, was die jungen Leute machen". Seit dem Workshop ist er auch ab und zu auf Facebook präsent. Warum sollte jemand wie er nicht auch Möglichkeiten finden, da einzusteigen?
In kirchlichen Strukturen ist es nicht anders. Es gibt Pfarrgemeinden, die haben noch nicht mal eine eigene Homepage und sind doch ein wichtiger, nicht wegzudenkender Knotenpunkt für das soziale und spirituelle Leben vor Ort. Andererseits gibt es Leute wie mich, die in der Kirche, die allerneusten Entwicklungen im Netz vorantreiben. Es werden immer mehr, die ganz neue Wege der Glaubenskommunikation im Netz erkunden. Das geht dann besonders gut, wenn man/frau selbst dort auch lebt, das Internet ein vollkommen selbstverständlicher Teil des Alltags ist.
Zwischen diesen Beispielen gibt es alle Schattierungen. Ungleichzeitigkeit ist für mich das Wort, dass den Zustand am besten beschreibt. Ungleichzeitigkeit kann Auseinanderdriften heissen. Ungleichzeitigkeit bedeutet jedenfalls, dass ich manches, was andere tun, nicht verstehe und manches auch wirklich abwegig finde. Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen, dass es mir schwer fällt, mich in die Lebenswelt von Menschen, die das Internet so ganz und gar nicht interessiert, einzuspüren. Ich weiss, da gibt es durchaus Grenzen des gegenseitigen Verstehen. Was ich aber deswegen nicht tue, ist die Kommunikation abbrechen.
"Allergisch" reagiere ich aber, wenn das, was ich tue, als nicht relevant klassifiziert wird. Ich bemühe mich ja selbst, dass ich manches, was auch "nicht mein Ding" ist in dieser Kirche, wertschätzend wahrnehme. Wahrscheinlich habe ich das von meiner Mutter gelernt, die einfach richtig gut, Dinge, die sie nicht versteht, doch einfach so stehen lassen kann. Denke ich länger drüber nach, verfalle ich oft sogar in richtige Bewunderung für Menschen, die Sachen machen, die ich so ganz und gar nicht könnte, die aber wertvoll und wichtig sind für das Spürbarmachen der Botschaft des menschenfreundlichen Gottes. Oft hilft mir dabei, mir vor Augen zu führen, dass "katholisch" ja "allumfassend" (griech. catholon = für alle) heisst und das so verstanden werden kann, dass da ganz viele Varianten und Schattierungen denkbar sein, wenn die gemeinsame Mitte Christus bleibt.
Ein inspirierendes Bild ist für mich die Kirche als Role-Model für eine Kultur der Ungleichzeitigkeit zu denken. Gesellschaftlich stehen wir vor vielen Herausforderungen: zum immer weiteren Auseinandertriften von Arm und Reich tritt der Digital Gap hinzu, der realistisch gesehen, ModernisierungsverliererInnen 2.0 enstehen lässt. Ein Tweet, wo ich diesen Begriff erstmals gelesen habe, war wohl zynisch gemeint:
Facebook mit Fake Namen nutzen, aus Sorgen um die Privatsphäre obwohl sich eh keiner für einen interessiert = Modernisierungsverlierer 2.0 — Judith Denkmayr (@linzerschnitte) Februar 7, 2012
Die Alternative zum Zynismus liegt für mich darin, eine Kultur der Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit zu denken. Die Kirche hat, wenn es gelingt, den Spirit, warum es sie überhaupt gibt, in den Mittelpunkt zu rücken, das Potential, hier beispielgebend zu sein.
Denn ihr seid alle Söhne Gottes durch den Glauben in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Es gibt nicht mehr Juden noch Griechen, nicht mehr Sklaven noch Freien, nicht mehr männlich noch weiblich; denn ihr seid alle einer in Christus Jesus. Wenn ihr aber Christus [gehört], so seid ihr folglich (des) Abrahams Same, Erben gemäß [der] Verheißung. — Gal 3,26-29
Die Rede ist da von einem gemeinsames Bezugspunkt, dem menschenfreundlichen Gott. Es geht nicht darum, dass alle das Gleiche tun, sondern darum, dass wir Unterschiedliches tun und unterschiedlich sind und miteinander in Kommunikation bleiben. Mit Gottes Hilfe wird das gelingen.
PS, damit mich jetzt niemand missversteht ;-) Ich plädiere hier sicher nicht für eine Entprofessionalisierung und Beliebigkeit kirchlicher Verkündigung, Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit. Im Gegenteil. Im Marketingsjargon würde ich sagen, viel stärker als früher ist als Kirche in einer differenzierten Gesellschafft die Frage zu stellen, wie welchen "Zielgruppen" die Menschenfreundlichkeit Gottes spürbar gemacht werden kann und wo Gelegenheit ist, dass positive Kommunikationsräume entstehen. Da sind die Menschen dann aber gar nicht mehr "Zielgruppe", sondern einfach ganz konkrete Menschen.
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